Geschichte

Wie alles begann: Symposium mit Sandor Kecskemeti

Vor über 20 Jahren lernte ich in Ungarn an einem Symposium Sandor Kecskemeti, ungarischer und deutschsprachiger freischaffender Keramik-Künstler kennen. Sandor war Professor für Keramik an der Akademie für angewandte Kunst in Budapest und Mitglied der Internationalen Keramik-Akademie Genf und mehrfacher Gewinner von diversen Kunstpreisen. Die Idee entstand in einer ungarischen Nacht um den Holzofenhochbrand. Ich teilte mit Sandor die Leidenschaft für verrückte und verwegene Brände und Feuer, und er war fasziniert von der Idee, in den Westen zu kommen und in der Toskana, wo ehemals die alten Etrusker ihre Heimat hatten, ein Symposium durchzuführen.

In der Lehrerzeitung hatte ich zuvor ein kleines Inserat gesehen, in dem die Möglichkeit geboten wurde, einen zur Töpferei umgebauten Bauernhof zu mieten, der 20 Gehminuten entfernt vom wunderschönen Ort Casole bei Colle Val d’Elsa, abgelegen im Herzen der Toskana zwischen Volterra und Siena, liegt.

Mit Hannes Hinnen fuhr ich im November 1990 in die Toskana, um „Il Corbino“, wie der Hof heisst, zu inspizieren und unsere Vorhaben zu rekognoszieren. Wir waren begeistert!

Der erste Flyer hiess:

KERAMIK ALS KÜNSTLERISCHE AUSDRUCKSFORM
Symposium in der Töpferei Il Corbino, Casole d’Elsa, Toscana, vom 2.-14. September 1991

Zur IDEE schrieben wir:
Wir formen, brennen, essen, diskutieren und leben unter freiem toskanischen Himmel und lassen uns inspirieren von der Natur, der Gruppe und uns selbst. Im Zentrum aber steht die Auseinandersetzung mit Ton als künstlerische Ausdrucksform. Tagesablauf, Themenschwerpunkte, Essenszeiten, Menuepläne genauso wie Stimmungen und Prozesse bestimmen wir in der Gruppe selbst. Die Lust, uns in Terracotta auszuleben und unsere eigene innere Befindlichkeit in Keramik festzuhalten, ist unsere gemeinsame Basis. Bei den TEILNEHMENDEN wandten wir uns an folgende Adressaten: Frauen und Männer, die im Umgang mit Keramik über den Horizont des handwerklichen Schaffens hinaus erweitern möchten. Der Mut zum Experiment und die Bereitschaft, sich 14 Tage lang in eine kleine Gruppe (maximal 10 Personen) einzubringen, sind wesentliche Voraussetzungen.

Diese zwei Wochen waren eindrückliSchweiz u. Italienntensiv. Sie bedeuteten Highlights sowohl in künstlerischer Hinsicht wie auch im technischen und fachspezifischen Bereich der Keramik, und beim Experimentieren und Improvisieren mit Brennen und Feuer sprengten wir die Grenzen. Dabei kam auch das Gesellige und Kulinarische nicht zu kurz. Ich lernte, dass Künstler Weltmeister sind im Kochen und Inszenieren und Zelebrieren von Gelagen und auch beim Essen und Trinken keine Grenzen kennen.

Diese zwei Wochen waren so eindrückliSchweiz u. Italienntensiv, dass sie den Grundstein legten für die Toskanageschichte, die mein Leben seither begleitet und diesen Ort zu meiner Heimat werden liess.

TÖpferkurse

Töpferkurse der Klubschule Migros

In der Klubschule Migros gab ich viele Jahre Töpferkurse. Dies an verschiedenen Kursorten: Die meisten natürlich in Olten und Aarau, dann aber auch in Zofingen, Langendorf und nicht zu vergessen den Modellierkurs in Baden. Unter anderen exklusiven Teilnehmerinnen war auch die Ehefrau vom Coop-Chef und Ceo. Dieser Dienstagmorgen war immer ganz speziell. Nebst diesen „normalen“ Töpferkursen erteilte ich auch exklusiv für die Klubschule Migros Raku-Kurse. Da diese Kurse im Freien stattfinden mussten, stellte ich mein privates Atelier zur Verfügung, zuerst in Wisen und später in Kölliken.
Sogar der damalige Geschäftsleiter der Migros AG/SO, Thomas Lichtensteiger, war so angetan von diesem speziellen Kurs, dass er sich spontan nach dem Besuch einer Ausstellung von mir anmeldete. Daraus ist eine Freundschaft geworden, die bis zum heutigen Tag andauert.

Zu dieser Zeit wurde ich die Leiterin der gestalterischen und kunsthandwerklichen Kurse der Kantone Solothurn und Aargau. Damit hatte ich die Verantwortung für das gesamte Angebot in diesem Bereich. Ich begann also Töpferkurse in der Toskana für die Klubschule Migros zu organisieren. Teilweise führte ich sie selber durch, später leitete sie Francesca Conserva.

Dann fand ich heraus, dass Gunter Ahlborn, Deutscher von Herkunft und Schwyzer Keramiker und Pächter des Corbinos (Besitzer sind die Familie Dei von Casole) während der gesamten Saison vom April bis Oktober, ebenfalls Töpfer-Kurse während der Wintermonate in der Klubschule Migros in Zug erteilte.
Ich schlug ihm vor, Keramikkurse in der Toskana gemeinsam zu leiten. Das Experiment führten wir nur einmal durch. Dies war einerseits ein gute Erfahrung, doch andererseits stellte sich heraus, das wir beide doch zu sehr Alpha-Tiere waren und unsere eigenen Kurse geben mussten.

Beispiel einer Ausschreibung (1995)

Neben meiner Arbeit als Managerin bei der Migros wurde es mir auch zu viel, die Kurse selber durchzuführen. Dafür baute ich sie aus und wir organisierten weitere Kurse im Corbino und in einem weiteren in der Nähe gelegenen umgebauten Bauernhof für Fotografieren, Malen und Zeichnen (u.a. mit Dino Rigoli, Milan Valasek, Dieter Linxweiler), Textildruck (Verena ?), Bild- und Steinhauen (u.a. mit Ueli Gantner).
Damit interessierte Kundinnen und Kunden möglichst umfassend und bestens informiert wurden, schleppte ich eine Kundenberaterin der Klubschule Migros Olten in die Toskana, um sie vor Ort zu schulen. Die arme Ruth M. teilte nicht immer meinen Enthusiasmus und musste fürchterlich leiden neben mir im Auto, als ich da auf Entdeckungsreisen durch abgelegene Täler der Toskana kurvte.
Es existieren zahlreiche Geschichten und noch zahlreichere Fotos aus unvergesslichen Töpferkursen der Klubschule Migros in der Toskana.

Wer hat Erinnerungen an die Töpferkurse im Corbino?

Weiterbildung der Keramikkursleiterinnen der Klubschule Migros AG/SO.

Nicht nur Kundinnen und Kunden, auch Kursleiterinnen und Kursleiter sollten in den Genuss eines Toskana-Aufenthaltes kommen. Ich plante eine Weiterbildung in der Toskana. „Das kommt überhaupt nicht in Frage, das kannst du dir aus dem Kopf schlagen“ war der Kommentar von Peter Kyburz, meinem damaligen Chef und Schulleiter der Klubschule Migros AG/SO. „Weiterbildung für Kursleitende im Ausland ist untersagt und versicherungstechnisch sowieso unmöglich.“ Wie immer bei solchen Reaktionen liess ich mich nicht ins Bockshorn jagen, da musste man sich halt überlegen, wie man zu andern Argumenten kommt.
Ich hatte eine Verbündete, Ursula Homberger Sie arbeitete bei der KOST, Koordinationsstelle der Schweizerischen Klubschulen Migros, in Zürich als Leiterin Kunsthandwerk und Gestaltung und war unter anderem auch beauftragt für die Weiterbildung der Kursleitenden in diesem Bereich. Sie unterstütze mich in meiner Idee und zusammen arbeiteten wir ein Konzept aus. Den didaktisch/methodischen Bereich wollten wir selber übernehmen, hingegen für die fachspezifischen und künstlerischen Aspekte wollten wir Fachleute beiziehen. Ich telefonierte mit Gustav Weiss, die zeitgemässe Keramik-Koryphäe schlechthin und Herausgeber der Zeitschrift „Keramik“, und liess mich beraten. Sein Tipp war ein Paar aus Deutschland, Helmut Massenkeil, Bildhauer, und Andrea Müller, Töpferin, aus Aschaffenburg, beide anerkannte und engagierte berühmte Künstler.
Ich freute mich sehr über die spontane Zusage.
Schliesslich schafften Ursula und ich es auch, das Okay und die finanzielle Zusage unserer Chefs zu bekommen. Die Weiterbildung in der Toskana konnte durchgeführt werden.

Hier folgt ein Resumé.

Eine Woche mit BildhauerInnen und TöpferInnen und Helmut Massenkeil und Andrea Müller.

Nie hätte ich erträumen können, was es bedeutet, Bild- und Steinhauer und Töpfer/innen zusammen unter einem Dach zu haben und eine Woche mit ihnen zu verbringen. Dieses Wagnis habe ich (Datum) gewagt. Vorbild dazu waren mir Helmut Massenkeil und Andrea Müller. Sie lebten es vor, dass es nicht nur möglich, sondern auch befruchtend und spannend ist. Doch das war und ist für diese beiden Berufssparten nicht selbstverständlich. Stein- und Bildhauer haben es mit einem harten Material zu tun. Sie haben einen Stein oder ein Holzstück vor sich. Die Idee haben sie im Kopf und nun gilt es mit ihrem Werkzeug abzutragen, bis aus dem Klotz die Figur entsteht und herausgearbeitet ist. Die Kunst ist natürlich, nur das wegzunehmen, was nicht mehr dazu gehört, denn weg ist natürlich weg.
Ganz anders die Töpfer/innen und Keramiker/innen. Sie haben es mit einem weichen Material zu tun, und sie bauen auf und fügen dazu, bis die Figur oder Skulptur entstanden ist. Es leuchtet ein, dass dies zwei völlig unterschiedliche Methoden sind. Doch dass sich dies so sehr in der gesamten Weltanschauung, in der inneren Haltung manifestiert, das war eine neue Erfahrung für mich.
Viele heisse Diskussionen und Auseinandersetzungen haben wir in dieser Woche erlebt. Eine führte sogar dazu, dass ein erboster Steinhauermeister sich wutentbrannt auf sein Motorrad gesetzt hat und nach Hause gefahren ist. Sein Keramikstück lag noch jahrelang unten beim Parkplatz und erinnerte an diese Episode.
Dennoch war auch diese Woche eine interessante und lehrreiche Erfahrung mehr.

Alleine im Corbino

In all den Jahren musste ich immer rechtzeitig daran denken, Werbung zu machen für die Toskana-Kurse im Herbst, denn schliesslich musste die Reservation auch bezahlt werden. Und da kam das Jahr, in dem ich es einfach zu spät realisierte, vielleicht ging es einfach unter im Trubel all meiner Verpflichtungen. Jedenfalls stand ich vor der Tatsache, dass ich jetzt einfach noch eine Feuerwehrübung leisten oder eben die Mietkosten der Migros ans Bein streichen musste. Da hatte ich plötzlich den Einfall – okay, ich miet mir doch den Hof privat und verbringe meine Ferien dort.
Es war eine wunderbare Woche, allein, fernab von der Zivilisation, ich sprach eine Woche lang wohl mit keinem Menschen. Da war ein wilder Hund, der sich partout nicht verscheuchen liess, und ich bin nicht wirklich ein Tiernarr. Auf der andern Seite habe ich ein menschliches Herz und einen gesunden Menschenverstand. Das Tier scheint es gespürt zu haben, jedenfalls wich es nicht von meiner Seite. Da waren dann auch noch die Fledermäuse, die mich in der Nacht ein bisschen verunsichert haben zu Beginn. Ansonsten habe ich die Woche genossen, getöpfert, gemalen, gelesen, meinen Gedanken nachgehängt und mich dabei grossartig gefühlt. Es war ein Erlebnis der besonderen Art und hat mich irgendwie geerdet. Es hat die Liebe zu diesem besonderen Ort noch vertieft und gab mir sehr viel Kraft und Sicherheit. Seither denke ich, dass mir nichts mehr geschehen kann, was mich wirklich aus der Bahn wirft. Ich bin sehr dankbar für dieses Erlebnis.

(Töpfer-) Ferien für offene Menschen

Seit ich nicht mehr Leiterin der Gestaltung der Klubschule Migros bin, habe ich dennoch weiterhin ein bis zwei Wochen das Corbino im Herbst fest gemietet. Anfänglich war es nur eine Woche, denn ich gehe jeweils das Risiko ein, die Miete alleine bezahlen zu müssen, falls sich niemand interessiert zeigt, die Ferien mit mir im Corbino zu verbringen. Mittlerweile hat sich meine Sorge als unbegründet erwiesen, und ich bin sehr froh, dass Gunter mir jeweils zwei Wochen im Herbst reserviert.
In der ersten Zeit waren es vorwiegend Frauen, Freundinnen und Bekannte und Töpferangefressene, die mit mir im Herbst in die Toskana kamen. Obwohl immer auch neue und andere dazukamen – es war mir immer und auch in all meinen Kursen wichtig, dass eine Gruppe stets offen ist und keine elitäre und ungesunde Innzucht betreibt – waren wir doch eine ein bisschen verschworene Gesellschaft, die am Abend vor dem Feuer sass und sich über Gott und die Welt und die Männer im Besonderen ausliess.
Es war dann Marie-Anne, soweit ich mich erinnere, die zum ersten Mal ihren Philipp mitschleppte und dann kam Kurt von der anderen Marianne dazu und später Pierre mit Esthi und natürlich meine Söhne.
Beni und Jenni machte den Anfang und dann kam das Jahr 2003. Es war das Jahr meines 50sten Geburtstages. Alle meine Söhne kamen zusammen mit ihren Freundinnen und Freunden. Das Corbino reichte nicht mehr aus. Ich mietete noch den nahe gelegenen Hof, das Bottegrino, hinzu. Diese Woche war der Höhepunkt der Toskanageschichte. Eine Woche lang Geburtstag feiern, jeden Tag fantastisches Wetter, an meinem Geburtstag, am 9. Oktober war zudem noch Vollmond. Die Stimmung, die Musik, das Essen, Feuer und Raku, es ist nicht in Worte zu fassen – ein modernes Märchen, so habe ich es genannt, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.... Sie leben noch, und das Märchen geht weiter. Ich freue mich sehr! Es gibt ein Video von diesem Fest - bitte hier klicken.

Diese Ferien dauern weiter. Jedes Jahr im Herbst ein neues Fest. Jedes Jahr eine neue Zusammensetzung und immer wieder ein voller Erfolg. Ein neues Abenteuer, neue Überraschungen, neue Freundschaften, neue Möglichkeiten – und immer mein geliebter Ofen berstend voll von Keramikstücken und am Ende der Woche der Höhepunkt mit viel Feuer und Rauch, Raku eben. Das Schöne daran ist, es sind jung und alt, männlich und weiblich, verschiedene Motivationen, verschiedene Verbindungen und sicher unterschiedliche Interessen. Und dennoch, alle sind offen, alle sind bereit mitzumachen, der grösste gemeinsame Nenner heisst sein Herz zu öffnen für diesen wunderbaren Ort in der Toskana. Die Basis ist die Keramik, Mut zum Experimentieren und Menschen, die sich öffnen für die Geschenke der Natur und des Miteinanderseins, egal welcher Herkunft.

anmeldung@toskhanni.com